Interview mit Jo aus der Schweiz, Vater einer 10-jährigen Tochter

Jo aus der Schweiz ist bereits seit über zwei Jahren Mitglied bei „Mein Papa kommt“ und übernachtet regelmäßig bei Gastgebern in Bonn.

Titelbild Interview Vater aus der Schweiz

In diesem Interview berichtet Jo wie es ist, wenn das Kind nicht nur weit entfernt lebt, sondern auch in einem anderen Land und Kulturkreis.

 

Wo lebst Du und wo Deine Tochter?

„Ich lebe in Bern, meine 10-jährige Tochter Luisa seit zwei Jahren in Bonn. Das ist eine Entfernung von 570 km.“

 

Wie war Eure Situation bevor Luisa nach Deutschland gezogen ist?

„Luisas Mutter und ich haben gemeinsam in Bern gelebt bis Luisa eineinhalb Jahre alt war. Nach der Trennung lebten wir zunächst nur 500 m voneinander entfernt. Obwohl wir so nah beieinander lebten, hat mir die Mutter von Luisa ziemlich von Anfang an den Umgang erschwert. Ich habe das gemeinsame Sorgerecht beantragt und wollte gerne das Wechselmodell leben. Luisas Mutter hat versucht, mit allen Mitteln dagegen anzugehen und zu bewirken, dass Luisa keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater möchte. Damit hatte sie jedoch keinen Erfolg. Ich vermute, dass sie deshalb von heute auf morgen ohne Ankündigung nach Deutschland gezogen ist. Als sie im Februar 2016 mit Luisa wegzog, waren noch nicht einmal die Wohnung und die Arbeitsstelle gekündigt. Die Mitteilung über den Wegzug erhielt ich dann über meinen Anwalt. Die offizielle Begründung für den Wegzug war von der Mutter der Grund, dass sie in der Nähe ihrer Eltern leben wollte. Ich wandte mich an das KESB (Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, vergleichbar dem Jugendamt in Deutschland, Anm. der Redaktion). Doch die Behörde verwies auf die deutschen Behörden, da das KESB nun nicht mehr zuständig sei. Als ich mich an das Jugendamt in Bonn wendete, erhielt ich dort die Auskunft, dass das Jugendamt erst agieren könnte, wenn die Mutter das Kind angemeldet hätte oder das Kind in einer Schule gemeldet sei. Beides war zunächst nicht der Fall.

 

Ich recherchierte viel im Internet und wurde in einem Forum von einer Mutter auf das Besuchsprogramm Mein Papa kommt aufmerksam gemacht. Mir wurden Gastgeber in Bonn vermittelt. Als ich der Mutter mitteilte, dass ich nach Bonn kommen würde und Luisa besuchen wollte, hat sie mir den Umgang verweigert. Ich wusste zu dem Zeitpunkt aber bereits, zu welcher Schule Luisa ging und habe sie dort zum Schulschluss überrascht und auf dem Schulweg nach Hause begleitet. Luisa muss sich dann zuhause sehr für ein Treffen am nächsten Tag eingesetzt haben, denn ihre Mutter stimmte zu und so konnten wir uns am Folgetag für zwei Stunden sehen. Regelmäßigen Umgang musste ich mir nach diesem ersten Treffen jedoch vor Gericht erstreiten.“

 

Wie verlief das Gerichtsverfahren?

„Ich habe mir vor dem Gericht in Bonn den Umgang erstritten. Meine Tochter hatte einen Verfahrensbeistand, der „Mein Papa kommt“ kannte. Das Jugendamt Bonn kannte das Besuchsprogramm damals noch nicht, hielt es aber gleich für eine gute Lösung. Da ich nicht nur Wochenend-Papa sein wollte und auch die Möglichkeit haben wollte, zu Lehrergesprächen oder Schulveranstaltungen unter der Woche gehen zu können, war mir der Umgang auch an Wochentagen wichtig. Die Mutter von Luisa wollte mir nur die Hälfte der Schulferien, insgesamt sechs Wochen, sowie ein verlängertes Wochenende zugestehen. Mir wurde der Umgang alle 14 Tage im Wechsel von Donnerstag bis Samstag und von Freitag bis Sonntag gewährt. Seit dem Sommer 2016 habe ich dann Luisa regelmäßig alle zwei Wochen gesehen.

 

Für mich war es zunächst schwierig, mich mit den deutschen Behörden, der deutschen Gesetzgebung und der deutschen Rechtslandschaft insgesamt zurecht zu finden. Für das deutsche Gerichtsverfahren musste ich mir entsprechend einen deutschen Anwalt nehmen. Mit dem Gerichtssystem habe ich aber sehr positive Erfahrungen gemacht. In der Schweiz wird nur aufgrund von Akteneintragungen entschieden. Die Parteien erscheinen nicht vor Gericht. Ich empfand es als viel gerechter, persönlich vor Gericht angehört zu werden und für mich war es vorteilhaft, dass auch die Meinung meiner Tochter durch den Verfahrensbeistand vertreten war und sich die Mutter von Luisa vor Gericht erklären musste. Ich habe mich als Vater vor Gericht erstmals ernst genommen gefühlt. Im Gegensatz zur Schweiz.“

 

Wie reist Du zu Deiner Tochter?

„Ich reise immer mit der Bahn nach Bonn und brauche von Haustür zu Haustür sieben Stunden. Manchmal begleitet mich meine Freundin. Und auch meine Mutter hat mich schon begleitet, wenn ich Luisa in Bonn besucht habe.“

 

Wie oft besuchst Du Luisa?

„Von Sommer 2016 bis Herbst 2017 habe ich wie in dem Gerichtsurteil festgelegt Luisa regelmäßig alle zwei Wochenenden in Bonn besucht. Dann hat Luisa den Wunsch geäußert, dass sie nur noch alle vier Wochen von mir besucht werden wollte. Das war natürlich eine bittere Pille für mich. Ich habe aber den Wunsch meiner Tochter respektiert, wollte jedoch dafür gerne an dem einzigen Wochenende im Monat dann einen Tag länger Luisa sehen, also statt zwei Tage nun drei Tage. Dagegen hat sich Luisas Mutter zunächst gewehrt, jedoch eingelenkt, als ich mit einer Abänderungsklage gedroht habe. Seitdem fahre ich alle vier Wochen nach Bonn und bleibe von Donnerstag bis Sonntag.“

 

Besucht Dich Luisa auch bei Dir zu Hause?

„In den Ferien verbringt Luisa die Hälfte der Zeit bei mir. Sie ist gerne bei mir und in der Schweiz, ihrer Heimat, die sie nur ungerne verlassen hat. Ihre Freundinnen in der Schweiz zählt sie immer noch zu ihren besten Freundinnen.“

 

Spielen die zwei unterschiedlichen Kulturen für Euch eine Rolle?

„Für mich ist Deutschland ein fremdes Land, auch wenn ich einige deutsche Freunde habe. Und auch Bonn ist eine fremde Stadt. Die Mentalität ist einfach eine andere. Das merke ich an Kleinigkeiten im Alltag, zum Beispiel am Umgangston in der Bäckerei. Luisa möchte mit mir immer in Schwizerdütsch sprechen. Darauf besteht sie in der Schweiz, aber auch in Bonn. Da Luisa jedoch nicht tagtäglich Schwizerdütsch spricht, erweitert sich ihr Wortschatz kaum. Das ist natürlich schade. Falls Luisa in einigen Jahren den Wunsch äußern sollte, dass sie gerne bei mir leben möchte, müsste sie sich wieder an ein neues System gewöhnen. Besonders das Schulsystem ist ganz anders. Das wäre natürlich anders, wenn sie in der Schweiz an einem anderen Ort leben würde, wobei es auch hier Unterschiede gibt. Als Luisa mit acht Jahren nach Deutschland zog, kannte sie das Land kaum. Sie hat vorher vielleicht ein bis zwei Mal pro Jahr dort ihre Großeltern besucht. Aber sie hat sich gut zurechtgefunden. Im Grunde blieb ihr ja auch nichts anderes übrig.“

Spenden für Kinder mit zwei Elternhäusern

Der Erlös der Spendenkampagne Scheidungringe für Kinder kommt der Initiative Mein Papa kommt zugute. Wir bieten Vätern/Müttern, die in einer schwierigen finanziellen Situation sind –  sei es durch Ausbildung, Studium, Arbeitslosigkeit oder Verschuldung – Sozialplätze an. Diese Plätze sind zu 100 Prozent spendenfinanziert und befreien den Vater/die Mutter so lange vom Mitgliedsbeitrag, wie es notwendig ist.

 

Jetzt spenden

 

Jo im Zeitungsartikel „Die Welt“

Vor diesem Interview hatte sich Jo bereits im Dezember 2016 spontan als Interview-Partner für „Die Welt“ angeboten, woraus dieser tolle Artikel über „Mein Papa kommt“ geworden ist. Dafür möchten wir ihm an dieser Stelle noch einmal sehr danken!

boehm@flechtwerk-ggmbh.de

Autor: boehm@flechtwerk-ggmbh.de

PR & Marketing Referentin