Über Ländergrenzen hinweg

Manche Eltern müssen internationale Grenzen überqueren – und dadurch weitere Hürden überwinden – damit sie nicht die Bindung zum Kind verlieren.

Titel Flechtwerk internationale

In der Community von Mein Papa kommt gibt es über 100 Väter/Mütter, die nicht wie ihre Kinder in Deutschland leben, sondern im europäischen Ausland oder auch zum Beispiel in Ländern wie Argentinien oder der Ukraine. Derzeit übernachten 18 „internationale“ Väter aus dem Ausland bei Gastgebern von Mein Papa kommt. Sie reisen aus Frankreich, Portugal, Großbritannien, der Schweiz, Italien, Österreich, Luxemburg, Tschechien, Russland und der Türkei an. Andererseits konnten wir auch schon einigen Vätern/Müttern aus Deutschland Gastgeber am Wohnort des Kindes in Österreich, der Schweiz und Südtirol vermitteln.

 

Gastgeber in den USA

Vor einigen Jahren haben wir sogar durch einen glücklichen Zufall für einen Vater aus Berlin Gastgeber in New York City gefunden! Ohne Absprachen war die Mutter seiner Tochter nach der Geburt von Berlin ins 6.400 km entfernte New York gezogen. Obwohl der Vater gut verdiente, war er finanziell überfordert. Im Rahmen einer Weiterbildung des Flechtwerk-Teams erfuhr damals die Referentin aus New York von dem Fall und stellte sich spontan als Gastgeberin zur Verfügung. Da der Vater durch Mein Papa kommt keine teuren Hotelübernachtungen mehr bezahlen musste, kann er seitdem alle drei Monate für zehn Tage seine Tochter besuchen.

 

Bild multilokale Familien

Sprache kann verbinden – und zum Hindernis werden

Flechtwerk-Vater Jo aus der Schweiz berichtet stolz, dass seine 10-jährige Tochter Luisa, die vor zwei Jahren nach Bonn gezogen ist, nach wie vor darauf besteht, mit ihm auf Schwizerdütsch zu sprechen. Ganz gleich, ob sie zusammen in Bonn beim Gastgeber übernachten oder Luisa ihren Papa in der alten Heimat besucht. Gleichzeitig merkt Jo jedes Mal bei Besuchen in Bonn auch an der Sprache, dass seine Tochter in einem anderen Kulturraum aufwächst. Und dadurch gefühlt noch ein bisschen weiter als 570 km entfernt von ihm ist. (Erfahrt mehr über Jo in diesem Interview.)

 

Dramatische Folgen kann es für die Eltern-Kind-Bindung haben, wenn ein Elternteil mit dem Kind in einen anderen Sprachraum zieht, dessen Sprache der andere Elternteil nicht spricht. So erzählte uns ein Vater aus England vor einiger Zeit, wie schwer es für ihn ist, die Bindung zu seinem eineinhalb Jahre alten Sohn zu halten. Der Engländer spricht kaum Deutsch. Sein Sohn beginnt gerade erst Sprechen zu lernen und wird natürlich vom deutschsprachigen Umfeld geprägt. Daher versucht der Vater so oft es geht mit dem Kleinen zu skypen – was aufgrund des Alters nicht immer einfach ist.

 

Bei Erdinç aus der Türkei stellt die Sprache glücklicherweise kein Problem dar. Seine Tochter Stella, die bei der Mutter in Ingolstadt lebt, spricht beide Sprachen fließend und findet sich daher sehr gut zurecht, wenn sie ihren Papa während der Sommerferien in Istanbul besucht. Und da der Vater gut Englisch spricht, kann er sich gut bei seinen Reisen nach Deutschland verständigen – auch mit seinen Gastgebern, die wir ihm bisher vermittelt haben.

 

Bild asiatische Familie

„Mein Papa kommt“ speaks English

Wir von Mein Papa kommt können gut auf Englisch weiterhelfen. Kürzlich haben wir den englischsprachigen Bereich unserer Website ausgebaut. Einige unserer Mitarbeiter können auch auf Französisch und Italienisch Auskunft geben. Doch nicht alle Eltern sprechen diese Sprachen. Bisher haben sich aber immer gute Lösungen gefunden, zum Beispiel für Eltern mit Fluchterfahrung, die anfangs nur Arabisch oder Persisch gesprochen haben. In diesen Fällen konnte entweder das Jugendamt Übersetzer organisieren oder Bekannte der Eltern haben bei Telefonaten und Emailkontakt unterstützt.

 

Andere Länder, andere Gesetze

Getrennte Eltern, deren Kinder in anderen Ländern leben, sind nicht nur häufig mit einer anderen Sprache und einem fremden Kulturkreis konfrontiert, sondern müssen sich auch in einem fremden System zurechtfinden. Dies ist besonders herausfordernd, wenn ein Vater wie der Schweitzer Jo in Deutschland vor Gericht den regelmäßigen Umgang erstreiten muss. Nachdem er sich durch Rechtsstreitigkeiten mit Luisas Mutter bereits mit der Schweizer Justiz vertraut gemacht hatte, musste er sich mit der deutschen Rechtslandschaft auseinandersetzen und einen deutschen Anwalt finden. Im Vergleich zur Schweiz fühlte er sich jedoch in Deutschland erstmals als Vater vor Gericht ernst genommen. In seinem Heimatland erscheinen die Parteien nicht vor Gericht, entschieden wird nur aufgrund von Akteneintragungen. Jo empfand es als viel gerechter, persönlich vor Gericht angehört zu werden und für ihn war es vorteilhaft, dass auch die Meinung seiner Tochter durch den Verfahrensbeistand vertreten war. Für Jo ging das Gerichtsverfahren gut aus. Und seine Deutschkenntnisse und seine Fähigkeit, sich mit den deutschen Gesetzmäßigkeiten vertraut machen zu können, haben ihm sehr geholfen. Dies ist nicht für jeden Vater oder jede Mutter aus dem Ausland möglich und die Gefahr eines Bindungsabbruchs dadurch erhöht.

 

Unterhalt – Wohnort des Kindes entscheidet

Die Mutter von Luisa wollte nicht nur den Umgang verweigern, sondern auch erwirken, dass Jo nach wie vor den Schweizer Unterhaltssatz von über 700 Euro pro Monat zahlt. Die Rechtslage ist hier jedoch eindeutig. Lebt das Kind in Deutschland, muss der in Deutschland übliche Satz gezahlt werden. Dies ist für Unterhaltszahler aus dem Ausland, in dem das Einkommensniveau geringer als in Deutschland ist, eine große Herausforderung. Das Pendant zu Jo bildet ein Münchner Vater, der mit Mein Papa kommt sehr verbunden ist. Da seine beiden Söhne in der Schweiz leben, muss der Vater den schweizer Unterhaltssatz zahlen – eine enorme Summe an deutschem Gehalt gemessen.

 

Internationale Eltern-Kind-Konflikte

Bei grenzüberschreitenden Kindschaftskonflikten können sich Eltern, Jugendamtsmitarbeiter*innen, Richter*innen und Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte an den Internationalen Sozialdienst (ISD) wenden. Der ISD ist eine von der Bundesregierung beauftragte zentrale Anlaufstelle für grenzüberschreitende Kindschaftskonflikte. So berät der ISD z.B. Eltern bei drohender Kindesentführung zu Sicherungsmöglichkeiten und wie mit der jeweiligen Situation am besten umgegangen werden sollte. Wir von Mein Papa kommt sind im Austausch mit dem ISD und manch „internationaler“ Flechtwerk-Vater hat über den ISD von unserem Besuchsprogramm erfahren.

 

Wenn Kinderherzen sprechen

Wir von Mein Papa kommt freuen uns sehr, dass dank des großzügigen Engagements und der weltoffenen Haltung unserer Gastgeber Eltern aus der ganzen Welt willkommen sind und die Kinder nun nicht nur sagen „Mein Papa kommt“, sondern auch „Babam geliyor“ (Türkisch), „Voilà papa“ (Französisch), „Arrivo mio papà“ (Italienisch) und „Abi quadim“ (Arabisch) – um nur einige Sprachen zu nennen.

boehm@flechtwerk-ggmbh.de

Autor: boehm@flechtwerk-ggmbh.de

PR & Marketing Referentin