„Vorlese-Geschichte“ – nicht nur für die Weihnachtszeit!

Über eine Kirchenmaus, die von einer Bienenwachskerze lernt, den Moment zu genießen – auch wenn das Loslassen bedeutet.

 

Weihnachten kann sehr herausfordernd sein – für Euch Erwachsene, aber auch für die Kinder. Eine schöne Gute-Nacht-Geschichte kann Ruhe in die aufgewühlten Emotionen bringen. Wir empfehlen Euch eine wunderbare Geschichte über das Glück, den Moment zu genießen:

Kirchenmaus und Bienenwachskerze

Es war einmal eine arme Kirchenmaus, die lebte in einer großen, schönen, aber kalten Kirche. Leider gab es hier nur wenig zu fressen. Deshalb fiel es der kleinen Maus sofort auf, als eines Tages in der Adventszeit ein süßer Honigduft durch die Kirche zog.

„Hm“, schnupperte das Mäuschen. „Woher kommt dieser wundervolle Duft?“ Und es folgte seiner Nase.

Nicht lange, da stand die Kirchenmaus vor einer Honigwachskerze, die zwischen Tannenzweigen aufgestellt war.

„Oh riechst Du schön“, sagte das Mäuschen.

„Und wie ich erst leuchte“ erwiderte die Honigwachskerze.

„Das würde ich gerne einmal sehen“ sprach das Mäuschen. „Ich bin immer nur in der Kirche, wenn keine Lichter mehr brennen.“

So beschloss die Kerze, dass sie einmal ganz alleine für die kleine Maus leuchten wolle.

 

Und tatsächlich, eines Abends, nach dem Gottesdienst, behielt die Kerze heimlich einen Funken Glut in ihrem Docht als sie nicht recht ausgeblasen wurde. Als niemand mehr nach ihr sah, fing sie durch einen Luftzug entfacht, wieder an zu brennen.
Als die arme Kirchenmaus sie so in der großen, dunklen Kirche sah, konnte sie zunächst keinen Ton herausbringen. Noch nie hatte das kleine Mäuschen die große Kirche so gesehen. Die kleine Kerzenflamme verwandelte die die Dunkelheit der Kirche in ein wunderbares Spiel aus Licht und Schatten.

 

 „Oh ist das schön“ piepste das Mäuschen und lief zur Honigwachskerze hin. In deren Nähe war es ganz hell und die arme Kirchenmaus fühlte sich dort bei der Kerze ganz wohlig warm, wie sonst nur im Sommer auf einem Stein in der Sonne.

„Danke“, flüsterte das Mäuschen der Kerze zu. „Danke! So schön war es noch nie, hier in meiner Kirche.“

Da lächelte die Honigwachskerze. Und fast hatte es den Anschein, als würde sie beim Lächeln kleiner.
Lange, lange Zeit saß die Maus bei der Kerze. Warm war es dort, hell und schön. Die arme Kirchenmaus genoss die Nacht. Ihr war, als würde sie im Licht und dem Duft der Kerze baden. Doch plötzlich erschrak das Mäuschen.
„Du bist ja ganz klein geworden“ piepste es die Honigwachskerze an. „Merkst Du es erst jetzt?“ erwiderte die Kerze mit leiser Stimme. „Komm, ich will Dir ein Geheimnis verraten“, flüsterte sie, und das Mäuschen spitzte die Ohren. Die Honigwachskerze begann zu erzählen: „Mäuschen, Glück ist brennen und vergehen, verstehst Du das?“

Das Mäuschen schüttelte den Kopf.

 

„Nun, das was wir miteinander erlebt haben, das ging nur, weil ich mich nicht gefürchtet habe kleiner zu werden. Hätte ich eine große, schöne, duftende Honigwachskerze bleiben wollen, hätte ich nie das Glück in Deinen kleinen dunklen Mäuseaugen sehen können. Nie hätte ich Deine Freude miterlebt, wenn ich den Funken nicht im Docht hätte glimmen lassen und für Dich gebrannt hätte. Ohne mein Leuchten wäre die Kirche jetzt dunkel und kalt und nicht warm und erhellt.“

„Das verstehe ich“, sagte die Kirchenmaus. „Weil Du brennst und kleiner wirst, ist es für mich schön und ich bin froh. Du verschenkst Dich mit Licht und Wärme an mich.“
„Das hast Du schön gesagt“
erwiderte die kleine Honigwachskerze. „Ja, ich verschenke mich an Dich, damit Du glücklich bist.“

 

Mit großen Augen schaute das Mäuschen die immer kleiner werdende Kerze an. „Glück ist brennen und vergehen“ murmelte es.

Die Honigwachskerze nickte und strahlte noch einmal besonders hell. Ihr Licht fiel auf den gekreuzigten Jesus, der aus Holz geschnitzt am Altarkreuz hing. Fast war es der Kirchenmaus so, als hätte er gelächelt.

 

Auch später ging es der kleinen Maus noch oft so, dass sie in stillen Augenblicken diesen Jesus anschaute, wenn ihr die Honigwachskerze in den Sinn kam und ihr der Satz einfiel: „Glück ist brennen und vergehen.“

© 2017 Michael Pfeiffer, Biberach/Riss
Erstveröffentlichung in der „Der Jugendfreund“ Jahresband 1987, Heft 52

 

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boehm@flechtwerk-ggmbh.de

Autor: boehm@flechtwerk-ggmbh.de

PR & Marketing Referentin