„Mein Papa kommt“ mit einem Artikel in die Berliner Zeitung

„Mit Papa in die Herberge“ – von Alena Hecker – erschienen am 26.04.2017

Wenn Eltern sich trennen, leiden die Kleinsten. Besonders kompliziert wird es, wenn Vater und Mutter nach ihrer Trennung auch räumlich auf Distanz gehen. Eine Initiative vermittelt kostenlose Gästezimmer für Elternteile, die weit reisen, um ihr Kind zu besuchen.

 

Familiencafés, Indoorspielplätze, Tierparks, Kindermuseen: Berlin bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, wie Eltern sich und ihren Nachwuchs am Wochenende beschäftigen können. Immer mehr Mütter und Väter wollen jedoch gerade weg vom großen Trubel. Sie sind weit gereist, um ihr Kind zu besuchen, möchten ungestört Zeit mit ihm verbringen – und wissen nicht, wo. Ronald Leber, der in Wirklichkeit einen anderen Namen hat, ist einer von ihnen. Seit sieben Jahren pendelt er einmal im Monat übers Wochenende zwischen seinem Wohnort im Westen Deutschlands nach Berlin, wo seine Tochter mit ihrer Mutter, deren neuen Mann und ihren Geschwistern zusammenlebt.

 

Laut einem Bericht des Deutschen Jugendinstituts (DJI) führt „die konstant hohe Zahl von Trennungen und Scheidungen in Deutschland dazu, dass sich das Familienleben nach Trennung oder Scheidung oftmals verteilt über mehrere Haushalte und mitunter an verschiedenen Orten abspielt.“ Zunehmend mehr Kinder, Väter und Mütter seien zwischen den verschiedenen Wohnorten der Familie unterwegs, um in Kontakt miteinander zu bleiben – eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Anfangs holt Ronald Leber seine Tochter noch in Berlin ab und nimmt sie zu sich nach Hause, doch das geht nicht lange gut. Also bleibt er selbst über Nacht und mietet sich übers Wochenende in Hostels und Pensionen ein. Doch was ihm fehlt, ist ein Rückzugsort, an dem er mit seinem Kind auch einmal ungestört zu zweit sein, spielen, malen, kochen kann.

 

Schließlich wird Leber auf das Besuchsprogramm „Mein Papa kommt“ aufmerksam. Das von der gemeinnützigen Gesellschaft Flechtwerk 2+1 betriebene Netzwerk will es Kindern aus sogenannten multilokalen Familien ermöglichen, regelmäßigen Kontakt zu ihren weit entfernt lebenden Vätern und Müttern zu haben. Alleinlebende oder Familien am Wohnort des Kindes, die zu Hause noch ein Zimmer frei haben, bieten es Eltern, und manchmal auch den zugehörigen Kindern, kostenlos zum Übernachten an.

 

Rund 800 Elternteile, die Mehrheit von ihnen Väter, haben darüber bereits eine Herberge in der Nähe ihres Kindes gefunden.„Es gibt viele Gründe, weshalb ein Elternteil weit entfernt von seinem Kind lebt“, weiß Annette Habert, Initiatorin des Besuchsprogramms – sei es der Umzug der alleinerziehenden Mutter in die Nähe ihrer Verwandtschaft, Arbeitssuche, Folgepartnerschaft oder eine konfliktreiche Elternschaft. Auf die Trennung vom Partner dürfe nicht auch noch die Trennung vom Kind folgen. Das Besuchsprogramm sieht Habert darum als eine Art Erste Hilfe in turbulenten Zeiten: „Es funktioniert, weil jeder die Sehnsucht kennt, mit Mutter und Vater verbunden zu sein.“

 

In Berlin liest Katharina Müller über die Initiative. Gastfreundschaft ist für sie etwas Selbstverständliches, schon ihre Eltern haben zu DDR-Zeiten während der Ferien Kinder aus Großstädten zu sich nachHause eingeladen, damit diese Urlaub auf dem Land verbringen konnten. „Das waren immer tolle Leute, die kamen.“ Die 62-Jährige sagt sich: Wenn es Menschen gibt, die mit ihrem Angebot etwas anfangen können, warum sollte sie sich dann nicht als Gastgeberin melden?

 

Kurze Zeit später steht zum ersten Mal Ronald Leber in ihrer Zweizimmerwohnung. Die beiden sind sich sympathisch, haben bald ein vertrauensvolles Verhältnis zueinander. „Meistens kam er schon am Donnerstagabend, und wir haben noch ein bisschen gequatscht. Am nächsten Tag war dann auch seine Tochter hier.“ Häufig essen Vater und Tochter zusammen mit ihrer Gastgeberin, als Dank für die Unterkunft kauft Ronald Leber mehr Lebensmittel ein, als er für sich und seine Tochter braucht.

 

Allein in Berlin engagieren sich aktuell mehr als 50 ehrenamtliche Gastgeber für Flechtwerk 2+1, deutschlandweit sind es rund 900. „Überall, wo Kinder leben, gibt es Trennungen“, so Habert. Umso dankbarer ist sie den ehrenamtlich Engagierten, dass sie nicht nur in den Metropolen, sondern auch in Urlaubsregionen und auf dem Land Übernachtungsplätze bereitstellen.

 

Zusätzlich kooperieren Habert und ihr Team mit Mütter- und Familienzentren, Kirchengemeinden, Kindergärten und anderen Einrichtungen. Diese bieten „Kinderzimmer auf Zeit“ an, in denen Eltern mit ihren Kindern am Wochenende spielen können. Aus Gesprächen weiß die Pädagogin, dass der Bedarf an solchen Rückzugsmöglichkeiten groß ist. Vollkommen unbefangen könnten sich Eltern und Kind nur begegnen, wenn sie auch einmal unter sich seien.

 

Ronald Leber und seine Tochter kommen in Berlin mittlerweile bei einem anderen Gastgeber unter. Katharina Müller hat nun regelmäßig ihren alleinerziehenden Sohn zu Besuch,wenn er mit seinen Kindern nach Berlin kommt, damit sie die von ihnen getrennt lebende Mutter besuchen können.

 

(Von Alena Hecker, erschienen in der Berliner Zeitung am 26.04.2017)

Danièle Böhm

Autor: Danièle Böhm

PR & Marketing Referentin