Einladung ins Familienministerium

Nach der Trennung der Eltern muss das Koordinatennetz der Familienmitglieder ein tragfähiges Flechtwerk bleiben.

Damit das auch für Eltern und Kinder gelingt, die nach der Trennung über weite Entfernungen hinweg voneinander getrennt eine innige Beziehung erfahren wollen, setzen wir uns nicht nur für pragmatische Lösungen, sondern auch mit engagierter Lobbyarbeit für Kinder mit zwei Elternhäusern und deren Väter und Mütter ein.

 

Flechtwerk bringt seine Erfahrungen mit dem Thema Multilokalität nach Trennung und Scheidung in familienpolitischen Verbänden ein, wie z.B. dem Zukunftsforum Familie, dem Bundesforum Männer oder auch in Fachkreisen sowie auf bundesweiten Fachtagungen. Unser treuer Begleiter ist dabei ein kleines rotes Auto, das die Visitenkarten unserer wertvollen Kontakte sammelt. Im September hat es sich von München aus auf die Reise in die Hauptstadt gemacht…

 

Familienpolitik braucht Mut

Am Weltkindertag hatte Bundesfamilienministerin Dr. Katarina Barley auch Flechtwerk 2+1 zum zweiten Zukunftsgespräch „Gemeinsam getrennt erziehen“ nach Berlin eingeladen.

 

Zu der Dialogveranstaltung waren Vertreter aus Väter- und Mütterorganisationen sowie zahlreiche Experten aus den Bereichen Kinder- und Jugendhilfe und des Familienrechts eingeladen. Es ging dem Bundesfamilienministerium nicht darum, vorgefertigte Lösungen zu präsentieren, sondern sich im fachlichen Austausch gemeinsam auf die Suche nach konstruktiven Lösungen zu machen.

 

In der Begrüßungsrede verdeutlichte die noch amtierende Bundesfamilienminsterin Katarina Barley, dass sie sich weder als „Mütterlobbyistin“, noch als „Väteraktivistin“ verstehe, sondern dass sie sich für nötige Veränderungen in den rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für die Elternschaft nach der Trennung engagieren möchte. Wir haben eine Familienministerin erlebt, die Ambivalenzen und Polarisierungen mit Blick auf die Verletzungserfahrungen Betroffener achtet, ohne sie zum Spielball politischer Entscheidungsfindungen werden zu lassen. Sehr glaubhaft sprach sie sich dafür aus, dass die oft notwendige staatliche Unterstützung der Eltern nach der Trennung nicht zum „Brandbeschleuniger“ im Elternkonflikt werden dürfe.

 

Zentrale Frage waren gesellschaftliche Bedingungen egalitärer Elternrechte sowie nach einer sowohl für Mütter wie für Väter realisierbaren Vereinbarkeit von Elternverantwortung, Kindeswohl und Lebensqualität.

 

Wir von Flechtwerk 2+1 konnten in den Vertiefungsgesprächen die für viele Teilnehmer noch immer überraschende Perspektive von multilokalen Familien in die Diskussionen einbringen.

 

Väter sind gefragt.
Nun auch in der Familienpolitik!

Spannende Impulse aus wissenschaftlichen Vorträgen und Beispielen aus der Praxis regten zum fachlichen Austausch darüber an, wie die Bedürfnisse der Kinder mit zwei Elternhäusern künftig noch besser gewahrt werden können.

 

Wer? Wie? Was? Wieso? Weshalb? Warum?
Nicht nur Kinder stellen zum Glück unzählige Fragen.

 

Welche Rahmenbedingungen braucht unsere Gesellschaft, um auch nach der Trennung väterliche Fürsorge zu ermöglichen?

Wie können wir der Retraditionalisierung des Vaterbildes nach der Trennung entgegenwirken?

Wie müssen Beratungsangebote ergänzt werden, um Eltern dabei zu unterstützen, die gemeinsam getrennt erziehen wollen?

Kann eine Mediationsberatung der Eltern zur Verpflichtung werden?

Wie kann staatliche Unterstützung einen Elternteil stärken, ohne dass deshalb dem anderen Elternteil Leistungen verloren gehen würden?

 

Impulse aus der Wissenschaft

Grundlage der Diskussionen hierzu bildeten aktuelle Erkenntnisse aus der Wissenschaft:

 

Prof. Dr. Franz Petermann von der Universität Bremen erläuterte erste Ergebnisse der vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebenen Studie PETRA. Diese Studie hat das Ziel eine empirische Grundlage dafür zu schaffen, Umgangsregelungen nach einer Trennung stärker am Wohl und an den Bedürfnissen von Kindern anzupassen und Belastungen zu vermindern. Laut Petermann ergaben erste Ergebnisse der Studie, dass derzeit lediglich 28 % der getrennten Eltern eines der existierenden Angebote der Familienberatung in Anspruch nehmen. Für die nicht am Wohnort des Kindes lebenden Eltern dürfte nach unserer Erfahrung dieser Anteil statistisch noch viel geringer sein (Anm. Flechtwerk). Beratungseinrichtungen müssen sich dieser Herausforderung stellen.

 

Mit Spannung erwartet werden dürfen wohl auch die weiteren Ergebnisse der noch nicht abgeschlossenen Studie. Petermann berichtete auch von neuen Evaluationsinstrumenten, die von der Forschungsgruppe PETRA entwickelt wurden, um die Erlebniswelt und Kinderperspektive auch kleiner Kinder ab 6 Monate bis 6 Jahre besser kennen lernen und zukünftig besser berücksichtigen zu können.

 

Frau Dr. Hildegund Sünderhauf-Kravets, Professorin für Recht an der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg betonte die Notwendigkeit einer Änderung im Grundgesetz bezgl. doppeltem Wohnort des Kindes.

 

Frau Norman vom Familiennotruf München gab Einblicke in die ermutigenden Erfahrungen mit dem Programm „Kinder im Blick“, das auch wir Flechtwerker unseren Eltern empfehlen.

 

Frau Prof. Dr. Sabine Walper vom Dt. Jugendinstitut überraschte damit, dass aktuell 20 % der Kinder in den ersten vier Lebensjahren die Trennung der Eltern erleben und erinnerte im Abschlussplenum daran, dabei nicht die besonderen Bedarfe der Eltern zu übersehen, die trotz weiter räumlicher Entfernung ihre Elternschaft gemeinsam getrennt leben wollen.

 

Impulse aus der Praxis

Jobst Münderlein, Geschäftsführer von Flechtwerk 2+1, betonte im Workshop zu „Steuerungslücken und Verteilungsfragen im Steuer- und Sozialrecht“ die völlig unbefriedigende Situation hinsichtlich der Gewährung eines „Umgangsmehrbedarfs“ seitens der Behörden für getrennt lebende Eltern, die regelmäßig weite räumliche Entfernungen zu bewältigen haben, um mit ihrem Kind verbunden zu bleiben.  Annette Habert wies darauf hin, dass beruflich oder trennungsbedingte multilokale Familiensettings geänderter Öffnungszeiten der Erziehungsberatungsstellen auch am Wochenende bedürfen.

 

Wer auch immer künftig im Familienministerium für die nächste Wegstrecke die Weichen stellen wird – wir werden unser Erfahrungswissen zur herausfordernden Situation von Familien mit weiten Entfernungen einbringen!

 

In der pragmatischen Realisierung des Umgangs auch über weite Entfernungen hinweg  bietet Flechtwerk mit dem Programm „Mein Papa kommt“ bundesweit weiterhin eine einmalige Lösung. In allen anderen Fragen reihen wir uns gerne ein in eine gemeinsame wertschätzende Suchbewegung ein.

 

Kollektives Schwarmwissen nutzen

Es gilt, das Kindeswohl dabei nicht zum umkämpften Terrain werden zu lassen. Nicht erst „Swimmy“, der kleine Fisch aus dem Kinderbuch von Leo Lionni, ist schließlich auf die Idee gekommen, das kollektive Schwarmwissen zu nutzen, um sich in die Weite der Welt zu wagen.

 

Das Spektrum der Empfehlungen für einen kindeswohlorientierten Umgang für Kinder mit zwei Elternhäusern kann und muss vielfältig bleiben, Verunsicherungen eigener Positionen wagen und konträres Erfahrungswissen wertschätzen. Einfach deshalb, weil auch Familien und deren Biographien vielfältig sind. In diesem Sinne verweisen wir gerne auf eine Auswahl an Links und freuen uns auf einen weiteren zielführenden Austausch mit allen Beteiligten.

 

Vielleicht ja beim dritten Zukunftsgespräch „Gemeinsam getrennt erziehen“ in Berlin?!

 

Links:

PETRA Studie 

Urteil des Bundesgerichtshof – Az. XII ZB 601/15 / – vom 01.02.2017 

VafK – Broschüre zum Wechselmodell 

VAMV – Broschüre zum Wechselmodell

Annette Habert

Autor: Annette Habert

Initiatorin & Gesellschafterin