Das Wechselmodell unter der Lupe

Zu Mama? Zu Papa? Oder im wöchentlichen Wechsel bei beiden leben? Auch das Urteil des Bundesgerichtshofs macht eine Kindeswohl orientierte Entscheidung nicht einfacher.

Wechselmodell unter der Lupe

Auf den ersten Blick erscheint das Wechselmodell bzw. das Doppelresidenzmodell das gerechteste aller Betreuungsmodellen zu sein. Die getrennten Väter und Mütter verbringen gleich viel Zeit mit ihren Kindern. Sie teilen sich paritätisch die Erziehung, alltägliche Herausforderungen und auch die entspannten Zeiten mit dem Nachwuchs. Väter werden nach der Trennung nicht zu Zahlvätern und Wochenend-Event-Papas, sondern schlagen sich genauso wie die Mütter mit den Hausaufgaben und Arztterminen rum. Im Gegenzug tragen die Mamas nicht die ganzen Alltagssorgen alleine. Im Gegenteil: Sie können in der „kinderfreien“ Woche entspannter Erwerbsarbeit und Hobbys nachgehen sowie Freundschaften pflegen. Und die Kinder? Die haben im Idealfall zwei tolle Zuhause, ausgeglichene Eltern und kein schlechtes Gewissen einem Elternteil gegenüber. Und Kinder im Teenager-Alter müssen sich nicht entscheiden, bei wem sie überwiegend leben möchten.

 

Das Wechselmodell in der Praxis

So die Theorie. Die Praxis eines Familienlebens in zwei Elternhäusern zu annähernd gleichen Teilen stellt Eltern und Kinder vor große Herausforderungen. Zunächst müssen von den Eltern die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Zwei Wohnungen, die nahe beieinander liegen und zudem genügend Wohnraum bieten, müssen gefunden werden. Auf dem Lande oder in Kleinstädten mag das zum Teil problemlos zu realisieren sein. In Großstädten herrscht zunehmend Wohnungsmangel, der es bereits Familien, die nur eine kleine Wohnung suchen, schwer macht. Durch das Wechselmodell binden sich Ex-Partner stark räumlich aneinander. Etwas weiter weg ziehen wegen eines neuen Partners oder einer beruflichen Veränderung ist nicht möglich. Außerdem wohnt einer der Eltern dann zwei Wochen im Monat allein in einer überdimensionierten Wohnung. Zusätzliche Kosten für die Einrichtung der zwei Kinderzimmer fallen an. Und alles, was nicht wöchentlich von einer Wohnung in die andere mitgeschleppt werden kann oder will, muss noch dazu doppelt angeschafft werden. Wer denkt, dieses Betreuungsmodell sei kostengünstiger als das Residenzmodell, der täuscht sich. Viele Eltern können sich das Wechselmodell schlichtweg nicht leisten.

 

Wechselmodell – möglich, wenn die Kommunikation stimmt

Entscheidende Voraussetzung für das Gelingen ist auch eine kontinuierliche gute Absprache zwischen den Eltern. Denn Schulthemen, Gesundheit und Sorgen der Kinder beginnen nicht montags und enden am Wochenende, kurz bevor das Kind zum anderen Elternteil geht. Umso überraschender, dass der Bundesgerichtshof Ende Februar 2017 bestimmt hat, dass das Wechselmodell auch gerichtlich verordnet werden kann. Mütter und Väter, die ihr Kind nach einer Trennung im gleichen Umfang wie der Ex-Partner betreuen wollen, können diesen Wunsch unter Umständen auch gegen dessen Willen durchsetzen. Ob Nachtrennungsfamilien, die sich über das Betreuungsmodell vor Gericht einigen müssen, gut miteinander kommunizieren können, ist fraglich.

 

Immer zum Wohle des Kindes?!

Für manche Eltern und Kinder ist das Doppelresidenzmodell die ideale Lösung und eine gerechte Berücksichtigung aller Bedürfnisse. Es gibt aber auch Kinder, die aus den unterschiedlichsten Gründen unter der wechselnden Wohnsituation leiden. Dies kann altersbedingte Gründe haben. So leiden manche Kleinkinder unter der Trennung von der Mutter, wenn diese bisher den überwiegenden Betreuungsanteil übernommen hat. Hilfreich können dann Wechsel zwischen den Eltern in kürzeren Abständen nach zwei oder drei Tagen sein. Aus anderen Gründen lehnen teilweise ältere Kinder das Modell ab. Teenager verbringen mehr Zeit mit ihren Freunden und sind stärker von der Schule beansprucht. Einigen wird das ständige hin und her irgendwann zu viel, auch wenn sie die beiden gleichwertigen Elternhäuser bis dahin sehr genossen haben. Und für manche Kinder ist es trotz stimmiger Rahmenbedingungen und gut funktionierenden Absprachen einfach belastend, keinen eindeutigen Lebensmittelpunkt zu haben. Ganz gleich, aus welchen Gründen das Kind nicht (mehr) im Wechselmodell leben möchte: Es ist immer das Wohl des Kindes, das letztendlich entscheidend ist für die Wahl des Umgangsmodells.

 

Unser Fazit zum Wechselmodell

Das perfekte Betreuungsmodell gibt es nicht. Die getrennten Eltern müssen gründlich und ehrlich für sich prüfen, ob sie alle Voraussetzungen für das gute Gelingen des Wechselmodells für alle Familienmitglieder schaffen können. Eine gute Orientierungshilfe bieten zum Beispiel die Broschüren zum Wechselmodell vom VafK (Väteraufbruch für Kinder e.V.) und vom  VAMV (Verband alleinerziehende Mütter und Väter e.V.). Wird das Doppelresidenzmodell gelebt, sollten die Eltern immer wieder neu prüfen, ob das Umgangsmodell angepasst werden sollte, z.B. hinsichtlich des Wechselrhythmus, der Wechseltage etc., und den Kindern signalisieren, dass sie jederzeit den Wunsch nach einer Veränderung äußern können – ohne befürchten zu müssen, dass sie Vater oder Mutter damit enttäuschen könnten.

 

 

Unsere Mission

Manche Familien stehen nach der Trennung nicht „nur“ vor der Herausforderung, ein geeignetes Betreuungsmodell zu finden und dieses für sich anzupassen. Denn häufig kommt es aus beruflichen Gründen, wegen nachfolgender Partnerschaften oder dem Rückzug zur Herkunftsfamilie zu Ortswechseln der Eltern. Die Umgangsrealisierung ist bei größeren räumlichen Entfernungen erschwert. Wir von Mein Papa kommt bieten mit unserem Programm ein entlastendes Angebot für diese sehr herausfordernde Situation – manchmal auch die entscheidende Hilfe in einer Übergangsphase. Wir unterstützen die getrennten Väter oder Mütter durch kostenfreie Übernachtungen bei ehrenamtlichen Gastgebern am Wohnort des Kindes und Kinderzimmer auf Zeit.

 

Links:

Urteil des Bundesgerichtshof – Az. XII ZB 601/15 / – vom 01.02.2017 

VafK – Broschüre zum Wechselmodell 

VAMV – Broschüre zum Wechselmodell

Danièle Böhm

Autor: Danièle Böhm

PR & Marketing Referentin